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Exkursion: Haus der Wohnhilfe in Halle
- 08.06.2026
Exkursion: Haus der Wohnhilfe in Halle
Am 27. April 2026 besuchte die Klasse VFA 24a der Verwaltungsfachangestellten die Obdachlosenunterkunft Haus der Wohnhilfe am Böllberger Weg in Halle. Ziel war es, einen realistischen Einblick in die Lebenssituation wohnungsloser Menschen zu gewinnen, auch im Hinblick auf unsere zukünftige Tätigkeit in der Verwaltung. Unsere Gefühle und Beobachtungen hätten unterschiedlicher kaum sein können: Schock, Betroffenheit, Frust über systemische Grenzen, aber auch ehrlichen Respekt für die Arbeit vor Ort und Mitgefühl für die Betroffenen.
Hausleiter Herr Drewes begrüßte uns und seine Kollegin führte uns durch das Haupthaus (150 Plätze) und das angeschlossene Notquartier (31 Plätze). Derzeit liegt die Auslastung bei 90 Männern, 19 Frauen und 3 Familien (davon 2 mit Kind), sowie 19 Männer und19 Frauen im Notquartier.
Im Haupthaus leben die Bewohnerinnen und Bewohner in kleinen Wohneinheiten mit Gemeinschaftsbad und -küche. Sie erhalten Unterstützung bei der Alltagsbewältigung, bei der Beantragung von Hilfen und der Wiedereingliederung in ein selbstständiges Leben. Aber das vielleicht Wichtigste ist: Sie sind wieder Teil einer Gemeinschaft.
Das Notquartier hingegen ist kostenfrei – aber nur nachts geöffnet. Tagsüber müssen die Menschen das Gebäude verlassen. Privatsphäre gibt es nicht. Einfachste Betten und Feldbetten stehen dicht an dicht. Die Atmosphäre ist bedrückend. Auch, weil das Haus einen deutlichen Renovierungsstau aufweist. Für die Menschen ist das Notquartier wirklich nur eine Notlösung, um nicht auf der Straße schlafen zu müssen.
Viele Bewohner schaffen es aber mit Unterstützung der Sozialarbeiter zurück in eine eigene Wohnung. Doch nicht alle. Einige verschwinden plötzlich, brechen den Kontakt ab oder scheitern an den Anforderungen des Alltags und einige wohnen jahrelang im Haus der Wohnhilfe.
Wie wir schnell gemerkt haben, sind die Ursachen für Obdachlosigkeit vielfältig: Drogen, Alkohol, psychische Erkrankungen, Einsamkeit, Schicksalsschläge und vor allem fehlende soziale Netze. Besonders Frauen sind häufig von verdeckter Obdachlosigkeit betroffen – sie tun viel, nur um irgendwo unterzukommen und nicht auf der Straße zu landen.
Der Besuch im Haus der Wohnhilfe hat uns sehr bewegt. Besonders die Enge der Zimmer und die fehlende Privatsphäre haben einige schockiert – wir hatten uns das Ausmaß vorher nicht vorstellen können. Dennoch waren viele Vorstellungen auch übertrieben und die Umstände besser als gedacht. Einige Vorurteile konnten ausgeräumt werden.
Gleichzeitig zeigten sich sowohl die Helfer vor Ort als auch einige Mitschülerinnen und Mitschüler frustriert, wie viele Hürden das System den Betroffenen in den Weg stellt, obwohl sie eigentlich jede Hilfe bräuchten. Insbesondere simple Maßnahmen, die den Alltag bereichern könnten, sind durch Bürokratie und Verwaltung begrenzt, so ist z.B. die Gestaltung des Außenbereiches durch die Bewohner selbst aus Gründen der Versicherung nicht möglich.
Dennoch, oder grade wegen der bürokratischen Stolpersteine und der daraus resultierenden großen Belastung, empfinden wir großen Respekt für das Team vor Ort. Ihre Geduld, Menschlichkeit und ihr Einsatz haben uns gezeigt, wie wichtig Empathie in unserem zukünftigen Beruf ist.
Besonders eindrücklich war die Erkenntnis, wie schnell jeder Mensch – durch Krankheit, Verlust oder fehlende Unterstützung – in eine solche Situation geraten kann.
Wir als zukünftige Verwaltungsmitarbeitende können einen kleinen Unterschied machen, indem wir dazu beitragen, dass Menschen in schwierigen Lebenslagen nicht nur als Aktenzeichen/Fallnummer wahrgenommen werden. Dadurch, dass wir positiv und wertschätzend mit den Akteuren vor Ort kommunizieren, indem wir mehr Menschlichkeit zeigen, statt Entscheidungen rein nach Aktenlage zu treffen und indem wir echtes Interesse an den Menschen hinter den Formularen zeigen, können wir es schaffen, dass Verwaltung nicht nur verwaltet, sondern unterstützt und stärkt.
Ein Wunsch von Herr Drewes blieb uns besonders eindrücklich im Gedächtnis: Trifft man Betroffene im Alltag, reiche oft schon ein Lächeln, ein kurzer Austausch oder ein Zeichen, dass jemand gesehen wird, um etwas zu bewirken. Ignoriert zu werden, das sei für Viele das Schlimmste. Oder wie wäre es, auch mal ein Päckchen Zigaretten zu spendieren?
Zum Abschluss sprach die Hausleitung eine herzliche Einladung aus: Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann – nach vorheriger Absprache – das Haus besuchen und die Arbeit vor Ort kennenlernen.
Die Exkursion war für die Klasse VfA24a mehr als ein Ausflug. Sie war ein Perspektivwechsel. Ein Blick auf eine Realität, die oft unsichtbar bleibt, obwohl sie überall ist. Und ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Verwaltung, die versteht, was ihre Handlungen für Konsequenzen haben können.
VFA 24a – Mai 2026
Text: Anika Cwiklinski und Marie Sophie Petzsche – Lektorat: Kordula Gruner

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