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Der Weg vom Vorurteil zum Verbrechen

Der Weg vom Vorurteil zum Verbrechen

Projektwoche „Ich, du und der Andere – Ausgrenzungsphänomene in Geschichte und Gegenwart“ (Ethik/Geschichte – Herr Key-Mattstedt und Herr Strickrodt)

Eine Gaskammer, in der Ärzte Menschen töteten, weil sie als „lebensunwert“ und unnütz galten, gassparende Umbauten und extraglatte Fliesen – Zeugnisse einer effizienten Todesmaschinerie, die menschenverachtender nicht auszudenken ist. Mehr als 14.000 Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen wurden in der Euthanasiegedenkstätte Bernburg im Rahmen der „Aktion T4“ ermordet, nachdem Gutachter anhand weniger Zeilen auf einem Meldebogen über ihr Leben entschieden hatten – ohne sie je gesehen zu haben. Wie konnte so etwas geschehen? Was hat das mit uns heute zu tun? Diese Fragen bildeten den Ausgang für das Projekt „Ausgrenzungsphänomene“.

Die Ursprünge des Rassismus sind weit vor 1933 zu suchen

Die ersten Antworten suchte die Gruppe deutlich vor dem Nationalsozialismus. Zwischen 1875 und 1930 wurden Menschen aus Afrika, Asien und Südamerika, unter anderem von Carl Hagenbeck, nach Europa gebracht und dort in sogenannten Menschenzoos als Wilde zur Schau gestellt. Zeitungsberichte aus dieser Zeit offenbaren, wie selbstverständlich Rassismus damals unterhaltsam verpackt und massenhaft konsumiert wurde. Am Beispiel der aktuellen Petition, das Hagenbeck-Denkmal in Hamburg zu entfernen, diskutierten die Schülerinnen und Schüler, wie eine Gesellschaft heute mit einem solchen Erbe umgehen sollte – Abriss, Einordnung oder ein Denkmal für die Betroffenen?

Philosophische und historische Erklärungsansätze

Damit war der Boden bereitet für die eigentliche Denkarbeit der Woche: Texte von Sartre, Beauvoir, Foucault und Fanon lieferten Werkzeuge, um zu verstehen, warum Menschen überhaupt Feindbilder brauchen. Sartre zeigt den Antisemiten als jemanden, der aus Angst vor der eigenen Freiheit ein starres Feindbild wählt. Beauvoir macht sichtbar, wie „die Frau“ – genau wie „der Jude“ oder „der Schwarze“ – erst zum „Anderen“ wird, indem sich eine Gruppe selbst zur Norm erklärt. Foucault ergänzt, dass solche Kategorien nicht einfach existieren, sondern von Wissenschaft und Institutionen erst geschaffen werden. Und Fanon beschreibt, wie ein einziger abwertender Blick genügt, um das eigene Selbstverständnis zum Einsturz zu bringen. Parallel dazu zeigten historische Quellen, dass diese Mechanismen keine abstrakte Theorie sind. Schon 1895 forderte der Arzt Alfred Ploetz in seiner Schrift zur „Rassenhygiene“ nüchtern die gezielte Tötung „schwächlicher“ Neugeborener – Zeilen, die nach dem Besuch in Bernburg kaum noch abstrakt zu lesen waren. Von dort führte die Spur direkt zum „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 und zur „Aktion T4“. Anhand von Gesetzestexten, einer Täterrede und der Predigt des Bischofs von Galen stellten die Gruppen die Argumente von Tätern und Widerständlern gegenüber und diskutierten, wo für sie die Grenze zwischen Gehorsam gegenüber geltendem Recht und individueller Verantwortung verläuft.

Von der Erkenntnis zur eigenen Stadt

Was in Bernburg begonnen hatte, bekam in der Gedenkstätte „Roter Ochse“ ein Gesicht in der eigenen Stadt: Das ehemalige Zuchthaus diente im Nationalsozialismus als Hinrichtungsstätte – ein Beleg dafür, dass Ausgrenzung und ihre tödlichen Folgen nicht nur weit weg, sondern buchstäblich um die Ecke stattfanden. Mit diesem Wissen entwickelten die Schülerinnen und Schüler im zweiten Teil der Woche drei eigene Actionbounds, also digitale Stadtrallyes, die durch Halle zu Stolpersteinen, Synagogen und weiteren Orten der Erinnerung führen. Die Aufgabe war anspruchsvoll: die philosophischen Gedankengänge und historischen Quellen mit konkreten historischen Orten zu verknüpfen und so aus abstrakter Theorie ein begehbares, für andere erfahrbares Stück Stadtgeschichte zu machen.

Am Ende der Woche steht eine unbequeme Erkenntnis: Ausgrenzung beginnt nicht im Vernichtungslager, sondern in Sprache, Blick und Gewohnheit. Deshalb bleibt sie auch heute eine Frage, die uns alle angeht.

 

Links zu den Actionbounds: